Spiritueller Impuls

08. November 2019 | Spiritueller Impuls

Was Friedhöfe uns sagen

Vor einiger Zeit wurden mir zwei Geschichten erzählt, die mich nachdenklich stimmten. Beide waren auf ihre Art anrührend und schön, obwohl beide mit dem Tod zu tun hatten.

Die erste hörte ich von einer Deutschen, die in Italien wohnt. Ein guter Freund von ihr war an Krebs gestorben, ein Künstler, nicht ganz unbekannt. Es hätte ein großes Begräbnis geben sollen, aber der Mann wollte das nicht. Er wollte nicht auf einem Friedhof beerdigt werden. Es sollte keinerlei Aufhebens von seinem Tod gemacht werden. Sein letzter Wunsch war, dass seine Asche in einen Gebirgsfluss gestreut würde. Also fuhren sie mit der Urne hinauf ins Gebirge, nur die Frau des Verstorbenen, seine beiden Kinder und meine deutsche Bekannte. Es war ein strahlender Wintertag, als sie dort oben die Urne öffneten und die Asche des Toten auf dem klaren grünen Wasser des kleinen Flusses rasch davontrieb, Richtung Meer. So sei ihr Freund in den ewigen Kreislauf der Natur eingegangen, sagte meine Bekannte, und das sei für alle eine große Erleichterung gewesen.

Und nun die zweite Geschichte, ebenfalls vernommen von einer Bekannten. Sie hatte mit ihrem Mann in einem Bergdorf in Südtirol ein paar Ferientage verlebt. Am ersten Abend machten die beiden einen Spaziergang hinaus vors Dorf und kamen zu einem Friedhof. Es war bereits tiefe Nacht, die Berge ringsum zeichneten sich nur noch als dunkle Schatten ab, die Sterne funkelten am Firmament und vor ihnen breitete sich ein Lichtermeer aus; auf allen Gräbern brannten Kerzen in Grablaternen, und der warme Schein der Flammen erhellte matt die eisernen Grabkreuze und die Fotos der Verstorbenen, die Gesichter ernster Männer und Frauen. Überwältigend schön habe sie dieses Bild gefunden, sagte sie. Es sei ein ganz normaler Tag gewesen, kein Feiertag, und plötzlich habe sie gespürt, wie wichtig und wohltuend für uns Lebenden die Verbundenheit mit unseren Toten sei. All diese Toten gehören zu uns, so lautete die Botschaft der Grablaternen, so wie wir irgendwann zu ihnen gehören werden.

Welche Geschichte mich mehr beeindruckt hat? Die zweite! Für den Einzelnen mag es ein angenehmer Gedanke sein, sich nach seinem Tod einfach in nichts aufzulösen. Doch Flüsse erinnern uns nicht daran, dass wir alle durch unser Schicksal als sterbliche Menschen zusammengehören, dass auch die Toten nicht einfach aus der großen Menschheitsfamilie ausscheiden. Nur solange es solche Orte ehrfürchtiger Erinnerung gibt, ist niemand vergessen. Und nur auf Friedhöfen sprechen die Toten zu uns.

von Abtprimas Notker Wolf