Spiritueller Impuls

12. Oktober 2018 | Spiritueller Impuls

Thérèse von Lisieux und der Rosenkranz

„Wie gerne wäre ich Priester geworden, um über die Heilige Jungfrau predigen zu können!“ Das schreibt die junge Nonne Thérèse von Lisieux im Jahr 1897 – unbekümmert über die Tradition ihrer Kirche und mit einem erstaunlichen Selbstbewusstsein. Und sie weiß auch, wie sie predigen würde: Sie würde die Gestalt Mariens nicht überhöhen, weil das die Menschen von ihr entfremdet. „Ich bin überzeugt, dass ihr wirkliches Leben ganz einfach gewesen sein muss.“ Sie würde darüber predigen, dass Maria ihren Sohn häufig nicht versteht, dass vieles an ihm sie in Staunen versetzt, dass sie seinetwegen viele Schmerzen aushalten muss. Maria, ein Mensch wie wir, dem der steinige Weg des Glaubens nicht erspart geblieben ist.

Darin fühlt Thérèse sich Maria ganz nahe. Sie gibt freimütig zu, dass sie den Rosenkranz „ganz schlecht“ betet: „Ich kann mich noch so sehr bemühen, die Geheimnisse des Rosenkranzes zu betrachten, es gelingt mir einfach nicht, meinen Geist zu sammeln.“ Lange hat sie sich deswegen Vorwürfe gemacht, aber: „Jetzt betrübe ich mich weniger, ich denke, die Himmelkönigin wird als meine Mutter meinen guten Willen sehen und sich damit zufrieden geben.“

Thérèse von Lisieux, die „kleine“ Thérèse, die mit nur 24 Jahren nach einem völlig unauffälligen Leben starb, zeigt uns, was Gebet bedeutet, ob Rosenkranz, ob ZEN-Meditation, ob Herzensgebet: Nicht um das Ableisten einer Form geht es, nicht um das Trainieren einer Übung, sondern um das Hineinwachsen in eine ehrliche, eine lebendige Beziehung.

Diakon Dr. Hermann Opgen-Rhein

Diakon Dr. Hermann Opgen-Rhein