Christina Eikens, Pastoralreferentin

Dr. Matthias Laarmann

„Die Zeit ist erfüllt! Das Reich Gottes ist nahe!“ – Aber was geschah vorher mit Jesus, als er in der Wüste war?

Von Dr. Matthias Laarmann

 

Das Tagesevangelium des 1. Fastensonntags ist dem Markusevangelium entnommen. Dort heißt es am Ende des Textabschnittes:

14Nachdem Johannes ausgeliefert worden war, ging Jesus nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes 15und sprach: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“

Da kann ich nur sagen: Imposante, großartige Worte!

Aber was geschah, bevor Jesus sich so geäußert hat? Was Markus dazu berichtet, geht uns alle direkt an, auch und gerade in Corona-Zeiten:

12Und sogleich trieb der Geist [Gottes] Jesus in die Wüste. 13Jesus blieb vierzig Tage in der Wüste und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm.

Dieser Text steht innerhalb des Markusevangeliums nicht an unauffälliger Stelle, sondern sehr exponiert am Anfang des Evangeliums. Der Evangelist Markus hat es sich nämlich vorgenommen, seinen Leserinnen und Lesern Jesus überhaupt erst einmal vorzustellen. Aber Markus zeichnet uns zu Anfang nicht einen Jesus, wie er uns meist vertraut ist: im Gespräch mit Menschen, als Heiler von Kranken, meistens in einer Stadt seiner Heimat Galiläa. Hier nun scheint alles umgekehrt: Statt einer belebten, menschenfreundlichen Stadt nun eine unheimatliche, lebensbedrohliche Wüste, lebensbedrohlich nicht nur für den auf Wasser und Nahrung angewiesenen Körper, sondern auch lebensbedrohlich für die seelische Gesundheit: Jesus „wurde vom Satan in Versuchung geführt“.

Kampf und Auseinandersetzung, eine ständige Infragestellung, Versuche einer Abwertung und eines Schlechtredens seiner Person und seiner Absichten stehen schon ganz am Anfang von Jesu öffentlichem Wirken. Satan versucht, Jesus (der in der Wüste ihm geradezu ausgeliefert ist, weil er nicht auf menschliche Unterstützung aus der Verwandtschaft oder von Freunden zurückgreifen kann) aus seinem Konzept zu bringen, bei ihm jede Form von Ich-Stärke zu rauben. Satan versucht, Jesus in der Isolation zu fesseln und ihn psychisch zu demontieren. Gibt es nicht so manche Menschen, die in der Corona-Krise sich ähnlicher Bedrängnis ausgesetzt fühlen?

Rätselhaft ist dann der Hinweis von Markus, dass Jesus nicht von Menschen, sondern von viel weniger zu erwartender Seite Hilfen bekommt: Wilde Tiere greifen ihn nicht an, und die Engel Gottes dienen ihm, was soviel heißt, dass sie ihn mit Nahrung versorgen. Das Ganze ist schon eine extreme, ja bizarre Situation. Wenn jetzt der Text abbrechen würde, wenn wir nicht durch Lesungen im Gottesdienst oder eigenen Bibellektüre wüssten, wie es weitergehen wird … wir kämen vermutlich zur Meinung, dass Jesus in dieser Situation irgendwie überlebt, aber ausgebremst wird und schließlich stecken bleibt.

Kommen wir aber nochmals auf die Wüstenszenerie zurück. Jesus hatte für sein Überleben Tieren und Engeln dankbar zu sein. Ich bin mir sicher, dass Tiere, Haustiere, nicht wenigen Menschen in den Corona-Tagen weitergeholfen und Stütze gegeben haben. Und welche sind unsere helfenden Engel gewesen? Wem dürfen wir nicht alle dankbar sein? Damit sind wir beim Leitthema unserer Fastenzeit angekommen: „Spielraum – sieben Wochen ohne Blockaden“. Jesus hat mit der Kraft des Heiligen Geistes die ihm gestellten Blockaden aushalten können und produktiv umgestaltet, um den Blick auf Gott und sein rettendes Engagement für unsere Welt freizuhalten: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“